Stellungnahme

Stellungnahme/Kommentar des Neurofeedback Netzwerks zum Artikel "Umstrittene Therapie - Mit den eigenen Hirnwellen aus der Sucht befreien", erschienen am 19.06.2019, tagesspiegel.de

Das Neurofeedback Netzwerk ist erfreut, dass Neurofeedback immer häufiger und regelmäßig in den Medien präsent ist. Die Berichterstattung zeigt oft aber auch, dass wir noch viel Aufklärungsarbeit in Richtung interessierte Öffentlichkeit und für Patienten leisten müssen. Wie sahen uns daher auch in der Pflicht den Artikel ""Umstrittene Therapie - Mit den eigenen Hirnwellen aus der Sucht befreien", erschienen am 19.06.2019 auf tagesspiegel.de zu kommentieren und der Redaktion eine Stellungnahme zukommen zu lassen.

Update (01.10.2019): Diese Stellungsnahme ist auch im Newsletter 09/2019 von ADHS Deutschland e.V. erschienen.

Den Text der Stellungnahme finden Sie im Folgenden und können ihn hier als pdf-Datei herunterladen.

 

Sehr geehrte Redaktion des Tagesspiegels

Vielen Dank für den Neurofeedback-Beitrag von Stefanie Uhrig mit dem Titel "Mit den eigenen Hirnwellen aus der Sucht befreien" vom 19.06.2019.

Wir, das Neurofeedback Netzwerk, sind ein ehemals vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Projekt und setzen uns für eine umfassende Patientenaufklärung, für verbindliche Qualitätsrichtlinien und für die Stärkung der wissenschaftlichen Forschung im Bereich Neurofeedback ein. Mehr über unsere Arbeit erfahren Sie auf unserer Website https://neurofeedback-netzwerk.org/.[Aktualisierung 31.10.2023: Dies bezieht sich auf die damalige Netzwerk Seite). Vor diesem Hintergrund ist uns die öffentlich korrekte und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmende Darstellung von Neurofeedback ein großes Anliegen. Aus diesem Grund möchten wir zu einigen Punkten in Ihrem Artikel Stellung beziehen und bitten auch um Weitergabe an die Redakteurin.

Sie schreiben, Neurofeedback könne nicht jeder erlernen. Aus klinischer Sicht kann diese Aussage nicht unterstützt werden. Wie bei jeder anderen Therapiemethode gibt es durchaus Non-Responder, bei denen die Therapie keine Wirkung zeigt. Das hat mit "Erlernen" jedoch nichts zu tun, Neurofeedback kann grundsätzlich vom Grundschulalter bis ins hohe Alter angewendet werden. Die Patienten müssen, ebenso wie bei anderen Verfahren der Psycho- oder Ergotherapie keine spezifischen Fähigkeiten mitbringen, um es zu erlernen. Es gibt nur wenige Kontraindikationen wie jeweils sehr schwere Formen der Epilepsie, Depressionen oder Psychosen. Zudem wird Schwangeren davon abgeraten. Zudem ist nicht die Komplexität der Animation entscheidend, ob Neurofeedback erlernt werden kann, sie bildet nur ab, wie viele Parameter der elektrischen Aktivität der Großhirnrinde erfasst und im Neurofeedback rückgemeldet werden.

Sie schreiben weiter, Forscher aus China würden daran arbeiten, ein Neurofeedback-Verfahren zu entwickeln, das ohne Zutun des Patienten funktioniert. Zunächst wäre hier der Hinweis auf eine Quelle interessant, zum anderen ist dies bereits seit langer Zeit möglich. Aus den klassischen Frequenzband-Neurofeedback, SMR/Beta Neurofeedback und SCP-Neurofeedback (auf das Sie sich wohl in Ihrem Artikel beziehen) hat sich das ILF-Neurofeedback entwickelt. Ein moderner Ansatz, bei dem in sehr niedrigen Frequenzbereichen trainiert wird. Diese Art des Neurofeedback verlangt keinerlei aktive Ausführung des Patienten.

Das Gehirn leistet das Neurofeedback vielmehr automatisch. Es nimmt unterbewusst wahr, dass es die Animation auf dem Bildschirm beeinflusst und geht in einen Selbstregulierungsprozess, um einen optimalen Zustand zu erreichen. Hierfür sind keinerlei Aufgaben zu lösen oder eine bewusste Steuerung notwendig.

In Ihrem Artikel schreiben Sie zudem, dass das Erklärungsmodell fehle. Dies ist so nicht korrekt. Vielmehr geht man im klassischen Frequenzbandtraining von "erwünschten" und "unerwünschten" Frequenzen aus. Als Erklärungsmodell wird das Prinzip der operanten Konditionierung genannt, indem die "erwünschten" Frequenzen trainiert werden. Bei den individuellen Neurofeedback Ansätzen, wie dem ILF Neurofeedback geht man von einem Modell der Selbstregulierung aus. Das heißt viele Symptomatiken die mit psychischen Erkrankungen einhergehen, wie zum Beispiel, Unruhe, Schlafstörungen, Schmerzempfinden, Konzentrationsproblematiken, Neurosen usw. durch Fehlregulierungen begründet sind. Durch das Neurofeedback soll das Gehirn wieder in eine bessere Selbstregulierung kommen und auch zwischen bestimmten Zuständen besser wechseln können. Dieser Ansatz erfordert aber ein sehr symptombasiertes Arbeiten mit dem Patienten. Aber auch hier ist wichtig zu verstehen: es gibt hierfür Behandlungsprotokolle und dies erfordert vor allem Wissen seitens eines gut ausgebildeten Therapeuten und kein aktives Zutun oder Kenntnis seitens des Patienten!

Sie schreiben weiterhin, ein Problem der wissenschaftlichen Beurteilung sei, dass praktisch jeder die Technik anbieten könne. Dies ist kein Problem der wissenschaftlichen Beurteilung! Die wissenschaftlichen Anforderungen an Neurofeedback ist recht klar und Studien, die mit Neurofeedback durchgeführt werden, werden von Experten durchgeführt. Problem ist vielmehr mangelnde Information von Patienten! Neurofeedback-Systeme müssen - sofern Sie echte Neurofeedback-Systeme sind - als Medizinprodukte der Klasse IIa eingestuft und zertifiziert werden. Als solche muss die Anwendung geschult werden und seriöse Anbieter, die wirksames, therapeutisches Neurofeedback anbieten, werden auch nur medizinische Fachanwender schulen. Alles andere hat schlicht nicht mit Neurofeedback zu tun, sondern es handelt sich dann meist um simpelste Systeme, die bspw. Artefakte wie Augenbewegung messen. Dies hat aber nichts mit Neurofeedback zu tun.

Für Patienten ist leider oft nicht klar, woran sie gute und qualifizierte Therapeuten erkennen können. Aus diesem Grund hat das Neurofeedback Netzwerk eine eigene Therapeutensuche etabliert, in die nur Therapeuten aufgenommen werden, die entsprechende Qualifikationen nachweisen können. Weiter setzt sich das Neurofeedback Netzwerk dafür ein, dass Neurofeedback als Therapiemethode nur von ausgebildeten Personen mit medizinischem beziehungsweise heilberuflichem Hintergrund und auf Basis einer Diagnostik angewendet werden sollte. Anders als von Ihnen dargestellt, ist wirkungsvolles Neurofeedback nämlich technisch sehr ausgeklügelt sowie therapeutisch hoch anspruchsvoll.

Ihre Äußerung zu den Nebenwirkungen der Therapie ("Immerhin keine Nebenwirkungen") erscheint recht leichtfertig. Korrekterweise sind bisher keine Nebenwirkungen bekannt, jedoch gibt es wie eingangs erwähnt durchaus Kontraindikationen, bei denen vorrangig andere therapeutische Verfahren genutzt werden würden. Trotzdem ist Neurofeedback kein Wellness-Angebot sondern, richtig angewendet, eine effektive Therapiemethode für psychische Erkrankungen.

Wenn Sie sich umfassend über Neurofeedback informieren wollen, unterstützen wir Sie sehr gerne dabei und stellen bei Interesse auch gerne Kontakt zu Neurofeedback-Experten her!

 

Zum Artikel des Tagesspiegels gelangen Sie hier. Die Stellungnahme liegt der Redaktion seit 25.06.2019 vor.

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